Regine Igel: Das andere VenedigNach der Lektüre der Romane der Donna Leon hatte man geglaubt, die „kriminelle" Seite der großen Stadt in all ihren Schattierungen bereits zu kennen. Und dann das, was Regine Igel ihren Lesern erzählt.
Der Fall des Brandes des „Fenice" und die Geschichte des Mafioso Felice Maniero, dem „faccia d'angelo", dem Engelsgesicht, lassen dem Leser noch einen Wissensvorsprung: „Na ja, eben Italien, das ist da so."
Aber wenn es dann um die Straftaten im Zusammenhang mit den Schmiergeldzahlungen und vor allem die der petrolchimico geht, dann verschwindet auch das letzte Schmunzeln aus dem Gesicht des Lesers. Das entsetzte Erstaunen, dass in einem zivilisierten europäischen Land, in einer von unzähligen Menschen geliebten, großartigen Stadt, in der „Serenissima", derartig kranke Auswüchse menschlicher Perversion möglich sind, lässt den Leser erstarren.
Es geht, so begreift er langsam, nicht mehr um spannende Fiktion, hier hat die Realität die Fiktion längst überholt. Es gibt nur noch den einen Wunsch: Gerechtigkeit. Doch selbst die mutigen, mit der Aufklärung der Verbrechen betrauten Staatsanwälte, können nicht eindeutig definieren, was das eigentlich ist, die Gerechtigkeit.
Regine Igel spekuliert nicht mit dem, was sie sagt, sie greift zurück auf Quellen, die authentischer nicht sein können, auf die Akten der italienischen Justiz, und das gibt ihren Informationen ein besonderes Gewicht. Die Liebe zur Serenissima und die Trauer um eine vergewaltigte Stadt und ihre Umgebung, vor allem aber um die menschlichen Opfer eines arroganten Macht- und Profitstrebens, sind bei ihr deutlich zu spüren.
In Felice Casson, jenem mutig engagierten und furchtlosen venezianischen Staats-anwalt, lässt sie uns ihren „Brunetti" erscheinen, einen der redlich und konsequent das Böse bekämpft, und der sich müht, das Chaos Venedigs, Maestres, Magheras einer unendlich fernen Ordnung zuzuführen. Und Casson ist real.
Der Kniff der Autorin, über Personen der Literatur, angefangen bei Donna Leons Brunetti über Shakespieres „Kaufmann von Venedig", Casanova und Thomas Manns Gustav von Aschenbach das Wesen der Serenissima zu vermitteln ist ein gelungener Schachzug.
Hochinteressant, weil für die meisten Leser mit großer Wahrscheinlichkeit neu, ist das, was Regine Igel zum Unterschied der Rechtssysteme Deutschlands und Italiens, vor allem aber über die Unterschiede in der Stellung der Staatsanwälte in beiden Systemen vermittelt.
Es ist ein spannendes Buch, das der Palette der Venedig-Literatur eine neue Sicht hinzufügt.
Thomas Schudoma